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Autorenverzeichnis: Spies, Gerty

Name: Spies, Gerty
Biographie: 13.1.1897 in Trier, gest. 10.10.1997 in München. Die Tochter des jüdischen Kaufmanns und Mundartdichters Sigmund Gumprich und der Charlotte Luise geb. Kahn wuchs in Trier auf. Hier besuchte sie das Auguste-Viktoria-Lyzeum, anschlie- ßend die "Frauenschule". Nach dem Staatsexamen als Hauswirtschaftslehrerin ging sie zum Fröbelseminar in Frankfurt am Main, wo sie das Staatsexamen als Hortnerin bestand. Als ihr Bruder im September 1918 in Frankreich fiel, gab sie ihre Berufspläne auf und kehrte zunächst zu den Eltern zurück. Der Vater war durch den Krieg verarmt, später erneut durch die Inflation. Im März 1920 heiratete sie den Sohn eines Weingutbesitzers in der Rheinpfalz und zog um nach Freiburg im Breisgau, wo ihr Mann sein Chemiestudium abschloß. 1921 kam dort Tochter Ruth auf die Welt. Weiterer Umzug nach Pforzheim, wo ihr Mann in wirtschaftlich schwieriger Zeit eine Anstellung in einer Gold- und Silberschmiede-Anstalt fand. Nach siebenjähriger Ehe trennte sich Gerty Spies 1927 aus persönlichen Gründen von ihrem Mann und übersiedelte mit der Tochter nach München-Schwabing. Hier schrieb sie erste Gedichte und humoristische Artikel. Nach der "Machtergreifung" Hitlers 1933 und der zunehmenden Judenverfolgung wurde sie gesellschaftlich immer mehr isoliert. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 setzten Judendeportationen ein. Gerty Spies wurde zunächst zu Zwangsarbeiten in einem Münchener Verlag herangezogen und schließlich, 1942, in das KZ Theresienstadt deportiert. Die "halbarische" Tochter Ruth mußte sie zurücklassen. In Theresienstadt begann Gerty Spies verstärkt zu schreiben, um zu überleben. 1945 kehrte sie in das kriegszerstörte München zurück: von 12000 Münchener Juden hatten 130 überlebt. Gerty Spies blieb trotz aller Leiden in Deutschland. Ihre Tochter aber ging in die Vereinigten Staaten, wo sie 1963 verstarb: aus "innerer Einsamkeit", wie es die Mutter beschreibt. Gerty Spies hat ihre leidvollen Erfahrungen in ihren Gedichten, Erzählungen und autobiographischen Skizzen festgehalten. 1947 erschien ihr Gedichtband "Theresienstadt". Seit den 80er Jahren wurde ihr literarisches Werk verstärkt publiziert: 1984 "Drei Jahre Theresienstadt", 1987 "Im Staube gefunden" und 1992 "Das schwarze Kleid". 1997 wurde erstmals ihr Roman "Bittere Jugend" veröffentlicht, ein "Roman von Verfolgung und Überleben im Nationalsozialismus", so der Untertitel. In den 50er Jahren geschrieben, wollte damals kein Verlag das Werk herausgeben. So schlimm sei es nicht gewesen, hieß es. Eine "bittere Milieustudie" zum "Miteinander von Opfern und Tätern, von Mitläufern und Gegnern", eine "ungeschminkte Momentaufnahme des Alltagslebens" im "Dritten Reich" nannte Sigfrid Gauch den Roman im Nachwort zur Erstausgabe. Erzählt wird aus der Sicht der Jugend und aus der Perspektive einer Frau, mit dem vierten Kriegsjahr beginnend, mit den ersten Friedenstagen endend. Aufzeichnungen aus dem Konzentrationslager sind eingefügt, Bilder des alltäglichen Schreckens wie der Sehnsüchte und Hoffnungen. Gerty Spies wurde 1984 zur Ehrenvorsitzenden der Gesellschaft für christlich- jüdische Zusammenarbeit e.V. ernannt, erhielt 1986 den Schwabinger Kunstpreis für Literatur und 1987 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienst- ordens der Bundesrepublik Deutschland. Gerty Spies zu Ehren stiftete die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz 1997 den "Gerty-Spies-Preis für Literatur". Die Geburtsstadt Trier nahm das Erscheinen des Romans "Bittere Jugend" im April 1997 zum Anlaß, ihre 100jährige Tochter mit einer offiziellen Feier zu ehren. Gerty Spies' literarische Erinnerungsarbeit ist der Versuch, "wiederzugeben, zu was der Mensch fähig ist, im Guten wie im Schlechten, und wie der Wille zum Leben, zur Liebe, zur Schönheit eine ungeahnte Kraft in uns zu erwecken vermag. (...) Verzeihen - aber nicht vergessen. Das Herz reinhalten von Haß- und Rachegefühlen. Diese Freiheit, diese Erlösung hat Tausenden die Kraft gegeben, mit Würde in den qualvollsten Tod zu gehn. Möge sie uns Lebende - gleich, welcher Herkunft - stärken und geleiten in unsrem Streben nach Verständigung", schrieb sie im Vorwort zu "Drei Jahre Theresienstadt" (1984). Gerty Spies verstarb am 10. Oktober 1997 in einem jüdischen Seniorenheim in München. ~Theresienstadt. Gedichte. München o.J. (1947). - Drei Jahre Theresienstadt. Mit einem Nachwort von Johannes Weiß. München 1984. - Im Staube gefunden. Gedichte. Mit einem Vorwort von Rachel Salamander. München 1987. - Das schwarze Kleid. Eine Erzählung. Mit einem Nachwort von Heinz Flügel und einem Brief von Hildegard Hamm- Brücher. München 1992. - Gedichte aus dem Konzentrationslager und aus den nachfolgenden Jahren. Deggendorf 1993. - Des Unschuldigen Schuld. Eine Auswahl aus dem Werk anläßlich der ersten Verleihung des Gerty-Spies- Literaturpreises der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Zusammengestellt von Dieter Lamping und Hans-Georg Meyer. Mainz 1997. - Bittere Jugend. Roman. Herausgegeben von Hans-Georg Meyer mit einem Nachwort von Sigfrid Gauch. Frankfurt am Main 1997. - Lebenslauf. In: Unterwegs. Rheinland- pfälzisches Jahrbuch für Literatur 4. Frankfurt am Main 1997, S.170-176. Literatur: Sigfrid Gauch: Zu Besuch bei Gerty Spies. In: Unterwegs, S.177-181. - Hans-Georg Meyer: Leben in Deutschland. Der Gerty- Spies-Preis, ein gesellschaftspolitischer Literaturpreis. In: Unterwegs, S.182-190. - Sigfrid Gauch: Nachwort. In: Gerty Spies: Bittere Jugend. Frankfurt am Main 1997, S.177-190. - Sigfrid Gauch: Gerty Spies: ein Jahrhundert Leben. In: Kurtrierisches Jahrbuch 1998.


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